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Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Elisabeth Wehling

Politisches Framing.

Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht

edition medienpraxis, 14

Köln: Halem, 2016

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© Copyright Herbert von Halem Verlag 2016

Print:

ISBN 978-3-86962-208-8

E-Book (PDF):

ISBN 978-3-86962-209-5

E-Book (EPUB):

ISBN 978-3-86962-210-1

ISSN 1863-7825

UMSCHLAGGESTALTUNG: Claudia Ott, Düsseldorf

UMSCHLAGSFOTO: Fotolia

SATZ: Herbert von Halem Verlag

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Weitere Stimmen zum Buch

» In den USA wird Framing spätestens seit Barack Obamas Wahlkampf 2008 als Geheimrezept für gelungene Kampagnenführung gehandelt, und Wehling und Kollegen gelten als Framing-Docs der progressiven Politikszene. Jetzt hat sie ein Standardwerk für Deutschland geschaffen – erhellend und unterhaltsam.«

Christina Endruschat,
USA-Korrespondentin RTL

» Ein fulminantes Plädoyer für die Revitalisierung unserer politischen Sprache – und unserer Demokratie. Pflichtlektüre nicht nur für unsere oft ›sprachvergessene‹ Politik, sondern für alle, die verstehen wollen, wie Alltagssprache, PR und Propaganda unser Denken und unsere gesellschaftliche Wirklichkeit prägen.«

Dr. Leonard Novy,
Ko-Direktor Institut für Medien- und
Kommunikationspolitik

» ›Leistungsträger‹, ›Steuerasyl‹, ›Flüchtlingswelle‹ – in unseren Diskursen reiht sich ein metaphorisches Sprachbild an das nächste, mit immensen Auswirkungen für unser Begreifen politischer Handlungsaufträge. Neben der Analyse wichtiger Schlagwörter gibt Elisabeth Wehling eine auch für den Laien verständliche Einführung in die Theorie des Framing – das war lange überfällig.«

Albrecht Müller,
Herausgeber NachDenkSeiten, Autor von
Meinungsmache und Wahlkampfmanager
Willy Brandts

» Elisabeth Wehling zeigt in einer auch für Nicht-Fachleute verständlichen Diktion, welche Bedeutung die Erkenntnisse der Kognitionswissenschaften und Kognitiven Linguistik für die Analyse politischen Denkens und Handelns haben. Sie zeigt, dass politische Schlüsselwörter Frames, d. h. komplexe Wissens- und Bedeutungsstrukturen, hervorrufen, die unsere Weltsicht prägen. Dies wird in Wehlings Studie an zahlreichen aktuellen Fallbeispielen illustriert und erhärtet. Ein faszinierendes Buch, das eine große Leserschaft verdient!«

Prof. Dr. Klaus-Uwe Panther,
Amerikanistik Institut Universität
Hamburg

» Dieses Buch liest sich wie das Making-Of der jüngsten europäischen Debatten. Ob Flüchtlingskrise oder Klimawandel – Sprache konstruiert Wirklichkeit und ›macht‹ Politik. Elisabeth Wehling zeigt eindrucksvoll, wie Framing unser Denken steuert, und welche Rolle Medien- und Politikschaffende dabei spielen, ob in Brüssel, Berlin oder Washington. Eine faszinierende Lektüre für alle, die verstehen wollen, warum eine Gesellschaft denkt, wie sie denkt.«

Dr. Stefan Leifert, ZDF-Korrespondent
Europastudio Brüssel

Elisabeth Wehling

Politisches Framing

Wie eine Nation sich ihr Denken einredet –
und daraus Politik macht

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Für Justus
L’oro non prende macchia.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT
SPRACHLICHE FRAMES BESTIMMEN UNSER DENKEN

ANFANGSBETRACHTUNG
UNSERE DEMOKRATIE HINKT DER KOGNITIV-NEURONALEN AUFKLÄRUNG HINTERHER

TEIL EINS
DEMOKRATIE IM GEHIRN:
DIE SPRACHLICHEN SOCKEL POLITISCHEN DENKENS UND HANDELNS

KAPITEL EINS
WIR TUN UNUNTERBROCHEN SO, ALS OB:
WIE WIR SPRACHE BEGREIFEN

EINS.EINS

Rezipienten sind Nachahmer: Kognitive Simulation

EINS.ZWEI

Auf und ab gehört: Simulation in der Sprachverarbeitung

EINS.DREI

Der zweifache Adler: Simulation und Wahrnehmung

EINS.VIER

Worte sind nur die Spitze des Eisbergs:
Frames und Frame-Semantik

EINS.FÜNF

Einfach gelesen: Frames und Sprachverarbeitung

EINS.SECHS

Wie man sich Menschen zurechtredet:
Frames und Wahrnehmung

EINS.SIEBEN

Den Nagel auf den Kopf treffen: Frames bestimmen, wie schnell wir Informationen aufnehmen

EINS.ACHT

Worte, die uns altern lassen:
Frames bestimmen unser Handeln

KAPITEL ZWEI
WIE SPRACHE DIE GESCHICKE UNSERER NATION LENKT: POLITISCHES FRAMING

ZWEI.EINS

Immer nur ein Teil vom Ganzen:
Politische Frames sind selektiv

ZWEI.ZWEI

Der Mythos des vernünftigen Menschen:
Frames und Rationalität

ZWEI.DREI

Blind gelenkt, aber klar entscheiden:
Framing-Effekte bleiben unbewusst

ZWEI.VIER

Die Neinsager-Falle: Frame-Negierung

ZWEI.FÜNF

Worte als neuronaler Superkleber:
Hebbian Learning

ZWEI.SECHS

Zwei Goldhamster niesen auf die Blaubeere:
Ideologisches Framing

ZWEI.SIEBEN

Nirgends eine einfache Geschichte:
Hypokognition und die drei Ebenen des Framing

KAPITEL DREI
WIE POLITIK GREIFBAR WIRD: KONZEPTUELLE METAPHERN

DREI.EINS

Die kognitive Verankerung der Dinge, die wir nicht ›fassen‹ können: Konzeptuelle Metaphern

DREI.ZWEI

Sauber gedacht, sauber gemacht:
Metaphern bestimmen Wahrnehmung und Handeln

TEIL ZWEI
VON GEJAGTEN BÜRGERN ZU GEFÄLLIGEN WETTERAUSSICHTEN: AUSGEWÄHLTE FRAMES UNSERER POLITISCHEN DEBATTE

EINFÜHRUNG ZU TEIL ZWEI

KAPITEL VIER
VON VIEL LEID UND WENIG FREUD: STEUERN

VIER.EINS

Erleichtert uns

VIER.ZWEI

Der Bauer und sein Vieh

VIER.DREI

Jäger und Gejagte

VIER.DREI.EINSAuf der Jagd

VIER.DREI.ZWEIIn die Falle gegangen

VIER.DREI.DREIGnade dem, der kein Schlupfloch findet

VIER.VIER

Flucht ins Asyl

VIER.FÜNF

Von Oasen und Paradiesen

VIER.SECHS

Strafe muss nicht sein

VIER.SIEBEN

Wo bleibt der Stolz?

KAPITEL FÜNF
DER GEDANKLICHE ABBAU UNSERES GEMEINSCHAFTSSINNS: SOZIALSTAAT

FÜNF.EINS

Die Geschichte von der Geschäftemacherei

FÜNF.ZWEI

Wir zahlen Steuern, leisten aber keinen Beitrag

FÜNF.DREI

Man wird ja wohl noch teilen dürfen

KAPITEL SECHS
STARK, REICHER, AM BESTEN!: GESELLSCHAFT

SECHS.EINS

Der Wettlauf

SECHS.ZWEI

Die Leistungsträger

SECHS.DREI

Die moralische Oberhand

KAPITEL SIEBEN
VON DEN PRIVILEGIERTEN, DIE KRÄNKELND IN DER FALLE SASSEN: SOZIALLEISTUNGEN

SIEBEN.EINS

Der leichtfertige Balanceakt

SIEBEN.ZWEI

Die Hängematte

SIEBEN.DREI

Der Sozialhilfeadel

SIEBEN.VIER

Am Sozialtropf

SIEBEN.FÜNF

In der Falle

KAPITEL ACHT
GEBEN IST SELIGER DENN NEHMEN: ARBEIT

ACHT.EINS

Arbeitgeber und Arbeitnehmer

ACHT.ZWEI

Was man verdient

ACHT.DREI

Lohn aus zwei Perspektiven

ACHT.VIER

Starkes Einkommen, schwaches Einkommen

ACHT.FÜNF

Arbeitsmarkt, Humanressourcen und Humankapital

KAPITEL NEUN
ERLAUBT, ABER NICHT VERGÖNNT: ABTREIBUNG

NEUN.EINS

Schwangerschaft

NEUN.ZWEI

Von unerwünschten Schwangerschaften und der Antibabypille

NEUN.DREI

Der Schwangerschaftsabbruch

NEUN.VIER

Vom Schwangerschaftsabbruch zur Tötung eines Menschen

KAPITEL ZEHN
DIE BERECHTIGTE PANIK VOR DEN NEUEN PROTO-MUSLIMEN: ISLAM UND TERRORISMUS

ZEHN.EINS

Die Islamophobie

ZEHN.ZWEI

Der Islamische Staat

ZEHN.DREI

Von Gotteskriegern und Ungläubigen

KAPITEL ELF
KEIN PLATZ FÜR KRANKE PASSAGIERE: ZUWANDERUNG UND ASYL

ELF.EINS

Das Boot ist voll

ELF.ZWEI

Die Nation als Gefäß und Ressourcen als Raum

ELF.DREI

Von Wassermassen

ELF.VIER

Von den Zuwanderern als Fremdkörper

KAPITEL ZWÖLF
EIN WENIG WANDEL UND VIELE ABGENUTZTE ENERGIEN: UMWELT

ZWÖLF.EINS

Alles ist einem Wandel unterworfen, auch das Klima

ZWÖLF.ZWEI

Rettet das Klima

ZWÖLF.DREI

Die sprachliche Glückspille

ZWÖLF.VIER

Die Umweltverschmutzung

ZWÖLF.FÜNF

Die Umweltverseuchung

ZWÖLF.SECHS

Fehlgeleitete Energien

SCHLUSSWORT
DEMOKRATIE HEISST AUCH, WERTE ZU BEGREIFEN UND SPRACHLICH UMZUSETZEN

LITERATUR

VORWORT:
SPRACHLICHE FRAMES BESTIMMEN UNSER DENKEN

Elisabeth Wehling ist in Deutschland zumeist jenen bekannt, die sich aufgrund ihrer Arbeit besonders für Sprache interessieren, genauer für das Verhältnis der Sprache zur sozialen Wirklichkeit. Nun hat die aus Hamburg stammende Autorin ein Standardwerk für die breite deutsche Leserschaft verfasst. Dass sie dieses Buch in Kalifornien (Berkeley) schreibt, wo sie lebt und forscht, erweist sich als Vorteil, denn auf dem spannenden Gebiet der Kognitionsforschung ist man in Kalifornien, der Geburtsstätte dieser Wissenschaft, viel weiter als in Europa. Und so erweist sich: Nicht alles, was über den Atlantik zu uns herüberweht, verdient unser Misstrauen.

Es ist ja nicht so, dass wir erst denken und dann versuchen, dieses Denken in Worte zu fassen. Wir denken schon in unserer Sprache, und diese Sprache, in der wir denken, kennt bestimmte Frames. Im Oxford-Duden sind für ›frame‹ die deutschen Bezeichnungen ›Rahmen‹, ›Gestalt‹ und ›Gerüst‹ angegeben. So ist beispielsweise der Begriff der ›Steuer‹ eingebunden in einem Rahmen, der, meist durch Metaphern, seine Bedeutung, seinen Klang in der Gesellschaft bestimmt. Zu diesem Rahmen gehört unter anderem der Begriff ›Steuerlast‹. Wir haben also eine Last zu tragen – welche, bestimmen die Gesetze. Es gibt Steueroasen, wo man der Steuer entkommt, aber rundherum ist eben die Wüste, in der man Steuer bezahlt. Dass wir die Steuer berappen, damit wir auf guten Straßen Auto fahren können und damit unser Bundesland Lehrer für unsere Kinder bezahlen kann, ist bei diesem Frame ausgeblendet. Daher ist Steuererleichterung immer gut: weniger Last.

Und nun wurden in Amerika wegweisende Versuche gemacht, die beweisen, wie stark Frames nicht nur unser Denken, sondern auch unser Fühlen, unser Werten, unser Handeln bestimmen. Und Elisabeth Wehling hat die Methoden, die sie in Kalifornien lehrt, auf unseren deutschen Wortschatz angewandt. Sie hat es mit einem erstaunlichen pädagogischen Geschick getan. Wir lernen gerne bei ihr.

Dass hier ein politisches Buch entstanden ist, hat damit zu tun, dass die Autorin nicht verheimlicht, welche Wertung sie für angemessen, welche sie von welchen Interessen bestimmt sieht, welcher Frame sogar bewusst konstruiert sein könnte.

Ein politisches Buch ist auch deshalb entstanden, weil Elisabeth Wehling selbst sehr klare Vorstellungen davon hat, was einer Gesellschaft gut tut und was nicht. Sie zeigt auf, wie manchen Themen durch Schlüsselwörter ein Frame verpasst worden ist, der sie den dominierenden Interessen gefügig macht.

Wichtig ist dieses Buch aufgrund seiner Methode: Wer nicht aus dem Frame einer Behauptung ausbricht, kann widersprechen, so lange und so laut er will, er wird nur den Frame bestätigen. Nicht nur politisch Tätige können lernen, sich einiges zu ersparen.

Der größte Erfolg dieses Buches wäre, wenn der eine oder die andere unter den Lesern nach seiner Lektüre die eigene Wahrnehmung und Sprache nachhaltig hinterfragen und sich kritisch mit scheinbar allgemeingültigen Frames auseinandersetzen würde.

Erhard Eppler, Frühjahr 2016

Erhard Eppler (SPD) war 6 Jahre lang, von 1968 bis 1974, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit (Entwicklungshilfe) und eine der herausragenden Persönlichkeiten der Friedensbewegung der 1980er-Jahre. Er beteiligt sich bis heute an der politischen Diskussion, ist Autor zahlreicher Bücher, z.B. über die Sprache der Politik (Kavalleriepferde beim Hornsignal, Suhrkamp), und gilt als einer der politischen Vordenker Deutschlands.

ANFANGSBETRACHTUNG:
UNSERE DEMOKRATIE HINKT DER KOGNITIV-NEURONALEN AUFKLÄRUNG HINTERHER

Menschen sind rationale Wesen. Sie können vernunftgesteuert handeln. Legt man nur alle relevanten Fakten auf den Tisch, können sie diese objektiv gegeneinander abwägen und entscheiden, was zu tun ist – ob beispielsweise ein politisches Vorhaben unterstützt werden soll oder nicht. So denken viele Menschen, so haben wir es gelernt – und so geistert es noch heute über die Flure der Parteizentralen und Medienredaktionen. Doch mit dieser Vorstellung hinken wir den Erkenntnissen der Neuro- und Kognitionsforschung hinterher und verfehlen die Chance, einen wirklich transparenten demokratischen Diskurs zu führen. Wieso?

Weil in politischen Debatten nicht Fakten an und für sich entscheidend sind, sondern gedankliche Deutungsrahmen, in der kognitiven Wissenschaft Frames genannt.

Frames werden durch Sprache im Gehirn aktiviert. Sie sind es, die Fakten erst eine Bedeutung verleihen, und zwar, indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem abgespeicherten Wissen über die Welt einordnen. Dabei sind Frames immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen. Frames bewerten und interpretieren also. Und sind sie erst einmal über Sprache – etwa jener in öffentlichen Debatten – in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken und Handeln an, und zwar ohne dass wir es merkten.

Es ist höchste Zeit, unsere Naivität gegenüber der Bedeutung von Sprache in der Politik abzulegen. Dieses Buch legt dazu den Grundstein. Teil i gibt eine Einführung in die Grundlagen politischen Framings. Teil ii wendet sich einigen der gängigsten und augenfälligsten Frames unserer politischen Debatten zu – und gewährt erstaunliche Einsichten in unser kollektives politisches Sprechen und Denken.

TEIL EINS
DEMOKRATIE IM GEHIRN:
DIE SPRACHLICHEN SOCKEL POLITISCHEN DENKENS UND HANDELNS

KAPITEL EINS
WIR TUN UNUNTERBROCHEN SO, ALS OB: WIE WIR SPRACHE BEGREIFEN

Wie begreift der Mensch eigentlich Sprache, und wie wirkt sie sich auf unser Denken und Handeln aus? Was passiert in unseren Köpfen, wenn wir miteinander reden, morgens beim Frühstück die Zeitung lesen, auf dem Weg zur Arbeit eine Radiosendung hören und im Vorbeifahren am Straßenrand aufgestellte Wahlplakate überfliegen?

In Worten steckt viel mehr, als wir in der Regel glauben. Um Worte zu begreifen, aktiviert unser Gehirn ganze Vorratslager abgespeicherten Wissens – zum Beispiel Bewegungsabläufe, Gefühle, Gerüche oder visuelle Erinnerungen – und simuliert diese Dinge gedanklich, um linguistischen Konzepten eine Bedeutung zuschreiben zu können. Außerdem stecken in einzelnen Worten viel mehr Informationen, aktivieren einzelne Worte viel mehr Wissen und Ideen in unserem Kopf, als die meisten von uns meinen.

Und nicht nur das. Sprache hat einen immensen Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Sie kann der Dreh- und Wendepunkt unseres Denkens und Handelns sein. Sprache bestimmt, wie wir unsere Umgebung und andere Menschen wahrnehmen, und mit welcher Leichtigkeit Informationen und Fakten von unserem Gehirn registriert werden. Und sie wirkt sich direkt auf unser Handeln aus – zum Beispiel auf unsere Körperbewegung und unser soziales Verhalten.

EINS.EINS
REZIPIENTEN SIND NACHAHMER: KOGNITIVE SIMULATION

Wann immer unser Gehirn Worte und Ideen verarbeitet, aktiviert es dazu Wissen und Sinnzusammenhänge aus vorangegangenen Erfahrungen mit der Welt. Dazu gehören Bewegungsabläufe, Gefühle, taktile Wahrnehmung, Gerüche, Geschmäcke und vieles mehr. Kurzum: Wir begreifen Worte, indem unser Gehirn körperliche Vorgänge abruft, die mit den Worten assoziiert sind. In der Kognitionswissenschaft fällt dieses Phänomen in den Bereich der Embodied Cognition, auf Deutsch ›verkörperlichte Kognition‹ (siehe z.B. BARSALOU 2008, 2009; LAKOFF/JOHNSON 1999; NIEDENTHAL et al. 2005).

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht schnell, was gemeint ist. Wenn Sie hier das Wort ›Hammer‹ lesen und ich frage: ›Was denken Sie jetzt?‹, so werden Sie problemlos eine ganze Reihe von Assoziationen und Gedanken auflisten können: ›Werkzeug‹, ›hämmern‹ oder auch ›den Nagel auf den Kopf treffen‹. Wer kürzlich auf dem Jahrmarkt war, dem mag als erstes ›Hau den Lukas‹ in den Kopf schießen, und wer sich beim Heimwerkeln schon einmal kräftig mit dem Hammer auf den Daumen geschlagen hat, listet vielleicht ›blauer Daumen‹ als erste Assoziation auf. All diese Gedanken sind bewusst, und zwar in dem Sinne, dass wir sie ohne Probleme benennen können.

Nicht bewusst ist uns, dass unser Gehirn automatisch auch einen Bewegungsablauf plant, während wir das Wort ›Hammer‹ lesen – nämlich das Handhaben eines Instrumentes wie dem Hammer. In unserem Gehirn gibt es einen Bereich, der für das Planen von Bewegungen zuständig ist, prämotorisches Zentrum genannt. In diesem Bereich – und auch in anderen Bereichen, die mit dem gedanklichen Vorbereiten oder Ausführen von Handlungen zu tun haben – feuern, wenn wir Worte wie ›Hammer‹ lesen, neuronale Schaltkreise, die berechnen, was es bedeuten würde, mit dem bezeichneten Objekt zu interagieren, in diesem Falle mit einem Hammer (RUESCHEMEYER et al. 2010). Dieses Simulieren von Bewegungen, die wir mit Objekten aufgrund unserer Erfahrung assoziieren, ist Teil des Erfassens der Wortbedeutung.

Ein weiteres Beispiel: Lesen wir den Satz ›John tritt den Ball‹, so aktiviert unser Gehirn automatisch jenen Bereich des prämotorischen Zentrums, der für das Planen von Fußbewegungen zuständig ist. Lesen wir hingegen ›John beißt in den Apfel‹, werden Schaltkreise aktiv, die unsere Mundbewegungen planen. Und lesen wir ›John greift nach der Gabel‹, werden jene Areale aktiviert, die für die Bewegung der Hände nötig sind. Wir begreifen also die Bedeutung des jeweiligen Verbes, des ›Handlungswortes‹, indem unser Gehirn die mit den Worten verbundenen Handlungen simuliert (siehe z.B. HAUK/PULVERMÜLLER 2004; PULVERMÜLLER 2001, 2002; TETTAMANTI et al. 2005; DESAI et al. 2010).

Ich habe es oben schon gesagt – indem unser Gehirn Worte und Ideen berechnet, simuliert es nicht nur Bewegungsabläufe, sondern auch anderes abgespeichertes Wissen wie Gefühle, Tastsinn, Gerüche und Geschmäcke. Nehmen wir Gerüche und Geschmäcke als zwei weitere Beispiele: Lesen Probanden Worte, die stark mit Gerüchen assoziiert sind, wie ›Knoblauch‹, ›Jasmin‹ oder auch ›Zimt‹, so werden im Zuge der Sprachverarbeitung jene Regionen im Gehirn aktiviert, die auch beim Riechen aktiv sind (GONZALEZ et al. 2006). Und liest man das Wort ›Salz‹, aktiviert das Gehirn diejenigen Areale, die für das Schmecken zuständig sind (BARROS-LOSCERTALES et al. 2012).

Und nicht zuletzt wird das schiere Begreifen von Lauten, wie beispielsweise ›i‹ oder ›o‹, über kognitive Simulation gesteuert. Indem wir Laute hören, simuliert unser Gehirn solche Zungenbewegungen, die mit der eigenen Produktion entsprechender Laute einhergehen würden. Anders formuliert: Wir begreifen, was einer sagt, indem unser Gehirn so tut, als würden wir selbst es sagen (siehe z.B. FADIGA et al. 2002).

Wie wichtig kognitive Simulation für unsere Sprachverarbeitung ist, zeigt sich deutlich in den Situationen, in denen sie zum Problem wird.

Das ist zum einen der Fall bei Patienten mit Hirnschäden oder das Gehirn betreffenden Krankheiten wie Parkinson. Wer beispielsweise durch Hirnschlag oder Krankheit solche Verletzungen erlitten hat, die das prämotorische Zentrum und andere motorischer Regionen betreffen, dem fällt es schwerer, Worte zu begreifen, die mit Handlungen zu tun haben – denn die Simulation der implizierten Bewegungen im Gehirn ist gehemmt (siehe z.B. AREVALO/BALDO/DRONKERS 2010; BAK et al. 2001, 2006). Und Patienten mit Parkinson, das die Funktion der motorischen Regionen im Gehirn beeinträchtigt, fällt es besonders schwer, Handlungsworte zu begreifen, während sie Nomen weiterhin gut verstehen (BOULENGER et al. 2008). Aber nicht nur das: Auch wenn man bei gesunden Probanden motorisch relevante Gehirnregionen zeitweise durch TMS (transkranielle Magnetstimulation) außer Kraft setzt, resultiert dies in einem kompromittierten Begreifen von Verben, die Hand- und Fußbewegungen implizieren (PULVERMÜLLER et al. 2005).

Zum anderen wird kognitive Simulation zum Problem, wenn sie im Widerspruch zu tatsächlichen Körperbewegungen steht. Wenn man beispielsweise das Wort ›ziehen‹ liest und zugleich eine Tür aufdrücken will, sieht sich das Gehirn mit einem Male einem motorischen Entscheidungskonflikt gegenüber. Einerseits muss es eine Ziehbewegung simulieren, der sprachlichen Sinnzuschreibung zuliebe. Andererseits muss es eine Drückbewegung planen, zugunsten der tatsächlichen Handlungsintention.

Dieser motorische Konflikt lässt sich auch in Experimenten gut beobachten, so zum Beispiel in diesem: Man instruierte Probanden, einen Hebel vom eigenen Körper weg zu bewegen. Zeitgleich wurde ihnen über Kopfhörer ein Satz vorgelesen. Soweit die Probanden im Bilde waren, hingen die beiden Dinge nicht weiter miteinander zusammen. Und nun passierte Folgendes: Spielte man den Probanden den Satz ›Du gibst Andy eine Pizza‹ vor, so führten sie die angewiesene Bewegung weg vom eigenen Körper problemlos aus. Spielte man ihnen hingegen den Satz ›Andy gibt Dir eine Pizza‹ vor, so geriet die Bewegung ins Stocken (GLENBERG/KASCHAK 2002). Den Probanden fiel es auf einmal schwerer, eine Bewegung weg vom eigenen Körper auszuführen, denn die gehörte Bewegung stimmte mit der auszuführenden nicht länger überein! Und dieses Phänomen lässt sich nicht nur beim Begreifen von Verben, sondern auch beim Begreifen von Nomen beobachten. So erkennen Menschen Gegenstände dann besonders schnell, wenn sie zeitgleich eine mit dem Gegenstand aufgrund ihrer Welterfahrung assoziierte Bewegung ausführen – Probanden ordnen beispielsweise einen Wasserhahn schneller gedanklich ein, wenn sie zugleich mit der Hand eine Drehbewegung ausführen (BARSALOU 1999).

Kognitive Simulation, als ein zentraler Teil der Embodied Cognition, ist also das gedankliche ›Nachahmen‹ von Gehörtem oder Gelesenem aufgrund unserer zuvor gesammelten und im Gehirn abgespeicherten Erfahrungen mit der Welt. Und sie ist ein Eckpfeiler unserer Sprachkompetenz.

EINS.ZWEI
AUF UND AB GEHÖRT: SIMULATION IN DER SPRACHVERARBEITUNG

Wir simulieren also, was wir hören oder lesen, um es zu verstehen. Dieser Prozess ist wichtig, um Worte zu begreifen. Und er zeigt sich unter anderem darin, was wir ganz automatisch tun, indem wir Sprache verarbeiten. Zum Beispiel darin, wohin wir blicken, wenn wir Sätze lesen, die Orte bezeichnen.

Stellen Sie sich zur Veranschaulichung einmal vor, Sie würden jetzt gerade Kopfhörer tragen, über die man Ihnen einen Text vorspielt. Während Sie den Text hören, schauen Sie gedankenverloren aus dem Fenster auf eine gegenüberliegende Hauswand. Sie hören zwei Sätze:

Der Mann im fünften Stock war dabei, seine

Hemden zu bügeln.

Der Mann im ersten Stock war dabei, seine

Hemden zu bügeln.

In beiden Sätzen gibt es einen Protagonisten, der Hemden bügelt. Der einzige Unterschied liegt darin, dass sich dieser Protagonist im ersten Satz weiter oben, und im zweiten Satz weiter unten im Gebäude aufhält.

Und nun wäre Folgendes geschehen, indem Sie die beiden Sätze hörten: Sie hätten bei dem Ausdruck ›fünfter Stock‹ Ihren Blick auf der gegenüberliegenden Hauswand automatisch und völlig unbewusst nach oben wandern lassen. Bei ›erster Stock‹ hingegen wäre Ihr Blick an der Hauswand hinabgeglitten.

Weshalb? Nun, um die Bedeutung der Worte zu begreifen, simuliert Ihr Gehirn die implizierte Verortung.

Dieses Phänomen ist durch experimentelle Studien es belegt: Gibt man z.B. Probanden einen Text zu lesen, in dem Szenen beschrieben sind, die an unterschiedlichen Orten spielten – nämlich weiter oben oder unten in einem Gebäude –, während die Teilnehmer zugleich auf einen leeren Bildschirm schauen, so wandert ihr Blick beim Lesen ganz automatisch in die jeweils angegebene Richtung, also nach oben oder unten (SPIVEY/GENG 2001).

EINS.DREI
DER ZWEIFACHE ADLER: SIMULATION UND WAHRNEHMUNG

Gerade haben wir gesehen, dass wir den Inhalt von Sprache automatisch simulieren, um ihn zu begreifen. Doch damit nicht genug, die kognitive Simulation bedingt darüber hinaus, wie wir die Welt wahrnehmen!

Wenn es gilt, Sätze zu begreifen, die visuelle Information beinhalten, simuliert unser Gehirn zwar keine Bewegungen im prämotorischen Zentrum, dafür aber Bilder und Perspektiven im visuellen Zentrum.

Lesen Sie einmal diese beiden Sätze:

Der Vogel ist am Himmel.

Der Vogel ist am Boden.

Die Sätze enthalten keine Handlungsworte mit motorischen Informationen, die Ihr Gehirn simulieren könnte. Denn das Verb des Satzes – ›ist‹ – ist statisch. Stattdessen entwerfen die Sätze visuelle Szenen, in denen Ihnen die Beobachterrolle zugeschrieben wird. Es gehört zu Ihrer Welterfahrung, Vögel zu sehen – ob am Himmel oder am Boden. Um die Sätze zu begreifen, simuliert Ihr Gehirn also das ›Sehen‹ beider Szenen. Dies geschieht im visuellen Zentrum.

Es berechnet, was es bedeuten würde, einen Vogel am Himmel oder einen Vogel am Boden zu beobachten und simuliert beide Sichtweisen. Es tut also, als ob Sie den Vogel im jeweiligen Moment wirklich betrachten würden, denn so verleiht es dem Gelesenen einen Sinn.

Hätte ich Ihnen, nachdem Sie den ersten Satz ›Der Vogel ist am Himmel‹ gelesen hatten, zwei Bilder von Vögeln vorgelegt – und zwar eines, das einen Vogel aus der Froschperspektive mit aufgespannten Flügeln zeigt, und eines, das einen Vogel aus der Vogelperspektive mit angelegten Flügeln auf dem Boden sitzend zeigt –, hätten Sie das Tier auf dem ersten Bild deutlich schneller als Vogel identifiziert als das auf dem zweiten.

Ich kann dies mit Gewissheit behaupten, denn genau dieser Effekt wurde in einer Untersuchung nachgewiesen. Lasen Teilnehmer den Satz ›Der Förster sah den Adler am Himmel‹, so erkannten sie im Anschluss zwar mit Leichtigkeit einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln, gerieten aber ins Stocken, wenn sie dasselbe Tier mit anliegenden Flügeln identifizieren sollten. Bei den Teilnehmern, die ›Der Förster sah den Adler im Nest‹ gelesen hatten, war der gegenläufige Effekt zu beobachten. Sie erkannten einen Adler mit angelegten Flügeln im Handumdrehen und brauchten länger, um dasselbe Tier mit aufgespannten Flügeln zu erkennen (ZWAAN/STANFIELD/YAXLEY 2002; ZWAAN/PECHER 2012).

Auch hier gilt: Wir simulieren sprachliche Informationen, um sie zu verstehen. Diese Simulation spielt eine wichtige Rolle bei der Sprachverarbeitung und wirkt sich darüber hinaus auch auf unsere Wahrnehmung aus.

So weit, so gut. Als nächstes werde ich einen kognitiven Mechanismus durchleuchten, der beim Begreifen eines jeden Wortes abläuft. Der sozusagen hinter der Schaubühne des Sprachlichen die kognitiven Fäden zieht, eins und eins zusammenzählt und Worten ihre Bedeutung gibt.

EINS.VIER
WORTE SIND NUR DIE SPITZE DES EISBERGS: FRAMES UND FRAME-SEMANTIK

Dieser Mechanismus hat mit folgender Tatsache zu tun: Wann immer wir ein Wort hören oder lesen, simulieren wir nicht nur das jeweils repräsentierte einzelne Konzept – sondern zusätzlich eine ganze Reihe anderer Konzepte.

In einzelnen Worten und Sätzen verbirgt sich immer – und zwar wirklich immer! – mehr an Bedeutung, als zunächst mit bloßem Auge erkennbar ist. Wenn es gilt, Worte oder Ideen zu begreifen, so aktiviert das Gehirn einen Deutungsrahmen, in der kognitiven Wissenschaft Frame genannt. Inhalt und Struktur eines Frames, also die jeweilige Frame-Semantik, speisen sich aus unseren Erfahrungen mit der Welt. Dazu gehört körperliche Erfahrung – wie etwa mit Bewegungsabläufen, Raum, Zeit und Emotionen – ebenso wie etwa die Erfahrung mit Sprache und Kultur.

Wie muss man sich das genau vorstellen? Was ist gemeint, wenn ich sage: Jedes Wort aktiviert einen Frame und beinhaltet damit viel mehr, als wir zunächst meinen mögen?

Nehmen wir das Beispiel aus dem letzten Abschnitt. Denn, ehrlich gesagt, hatte bereits die ›Vogel‹-Studie nicht nur mit kognitiver Simulation, sondern auch mit Frame-Semantik zu tun. Wieso? Nun, führen Sie sich noch einmal vor Augen: Sie haben den Satz ›Der Vogel ist am Himmel‹ gelesen. Und hätten dann einen Vogel mit aufgespannten Flügeln schneller erkannt. Einen Vogel mit aufgespannten Flügeln… Aber Moment einmal! Sie haben doch gar nicht gelesen ›Der Vogel hat aufgespannte Flügel‹! Woher wusste Ihr Gehirn denn dann, dass es aufgespannte Flügel zu simulieren galt?

Nun, weil Ihr Gehirn die Frame-Semantik nutzt, und die speist sich aus Ihren Erfahrungen mit der Welt. Das Gehirn speichert Dinge, die in seiner Erfahrungswelt simultan auftreten, als Teile eines Frames ab. Wenn es dann ein Konzept vorgelegt bekommt, zum Beispiel ›Vogel am Himmel‹, aktiviert es denjenigen Frame, der aus seiner Sicht zu dieser Information gehört:

Wenn Vögel am Himmel sind, dann fliegen sie. Um zu fliegen, spannen Vögel ihre Flügel auf. Wenn ich fliegende Vögel am Himmel sehe, dann stehe ich in aller Regel unter ihnen, denn ich selbst bewege mich typischerweise nicht am Himmel, sondern auf dem Erdboden. Ich sehe also von unten die aufgespannten Flügel.

So in etwa hat der Frame ausgesehen, der in Ihrem Gehirn aktiviert wurde, um dem Satz eine Bedeutung zuzuschreiben. Und Sie simulierten deshalb aufgespannte Flügel und eine Froschperspektive, obwohl Sie überhaupt nicht von derlei Dingen gelesen hatten! Sie hatten schlichtweg gelesen ›Der Vogel ist am Himmel.‹ Nicht etwa ›Der Vogel ist am Himmel und damit ist gemeint, dass er fliegt, und das heißt, er hat aufgespannte Flügel und befindet sich über Ihnen.‹ Alle diese Informationen wurden Ihnen nicht unmittelbar sprachlich, sondern mittelbar als Teil des über Sprache aktivierten Frames geliefert.

Ziehen wir eine weitere erstklassige Studie heran, über die das Phänomen frame-basierter Sprachverarbeitung gut verdeutlicht werden kann. In diesem Experiment las eine Gruppe von Teilnehmern: ›John wollte das Vogelhaus reparieren. Er schlug auf den Nagel, als sein Vater hinzukam.‹ Eine zweite Gruppe las: ›John wollte das Vogelhaus reparieren. Er suchte den Nagel, als sein Vater hinzukam.‹ Ein wenig später wurde getestet, ob die Teilnehmer dachten, sie hätten in dem Text unter anderem das Wort ›Hammer‹ gelesen. Und nun geschah dies: Über die Hälfte derjenigen Teilnehmer, die das Wort ›schlug‹ gelesen hatten, gaben eifrig an, auch das Wort ›Hammer‹ gelesen zu haben! In der zweiten Gruppe war es nur ein Fünftel der Teilnehmer (BRANSFORD/JOHNSON 1972).

Was war geschehen? Nun, indem Teilnehmer das Wort ›schlug‹ lasen, aktivierte ihr Gehirn einen Frame. Und dieser Frame beinhaltete eine ganze Menge an Wissen und Erfahrungen, die dabei halfen, das Wort ›schlagen‹ in diesem Kontext zu begreifen. Unter anderem gehörte zu diesen Erfahrungen das Konzept ›Hammer‹. Man hätte übrigens noch weitere Worte testen und mit demselben Resultat rechnen können. Zum Beispiel die Worte ›Holz‹ oder ›Kraft‹. Wieso? Ganz einfach, Vogelhäuser sind in der Regel aus Holz, und man muss beim Schlagen auf einen Nagel eine gewisse Kraft aufbringen.

Dieses Experiment zeigt in wirklich einleuchtender Weise, wie unser Gehirn um des Begreifens einzelner Worte willen ganz automatisch ein Bouquet semantisch angegliederter Ideen aktiviert. Frames geben einzelnen Worten Bedeutung, indem sie diese in einen Zusammenhang mit unserem Weltwissen stellen. Und dies kann so weit führen, dass wir meinen, die mit einem einzelnen Wort verbundenen Ideen nicht nur gedacht zu haben, sondern schwören könnten, sie auch gehört oder gelesen zu haben.

EINS.FÜNF
EINFACH GELESEN: FRAMES UND SPRACHVERARBEITUNG